Walther »von« Rathenau ?
Judentum und Anerkennung um 1900

Vortrag von Kai Drewes im Wolfenbütteler Ratssaal am 20. November 2014 im Rahmen der BlickWechsel-Reihe der Evangelischen Erwachsenenbildung und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

 

Im Jahr 1924 wird Walther Rathenau für seine Verdienste um die Organisation der deutschen Wirtschaft im Weltkrieg von Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. 1926 wird er Reichsstaatssekretär, nach heutigen Begriffen Minister, für Finanzen – diese beiden Ereignisse markieren den Höhepunkt seiner Karriere im öffentlichen Leben. 1929 allerdings tritt von Rathenau, wie er jetzt heißt, nach einem missglückten Mordanschlag auf ihn durch rechtsradikale Offiziere zurück – aus Enttäuschung über das intolerante gesellschaftliche Klima, worunter seiner Meinung nach die Entwicklung der Demokratie leidet. Von Rathenau bleibt aber Vorsitzender der linksliberalen Partei.

Irgendetwas stimmt hier nicht, werden Sie sicherlich denken. Wurde Rathenau nicht schon 1922 kaltblütig erschossen, in der Tat von rechtsextremen Offizieren? Und war er zu diesem Zeitpunkt nicht Reichsaußenminister und zwar prominentes Mitglied, aber nicht Vorsitzender der Linksliberalen und keineswegs geadelt? Und Wilhelm II. längst nicht mehr Deutscher Kaiser und König von Preußen, sondern im Exil in den Niederlanden, Deutschland keine Monarchie mehr, sondern eine Republik? Ja, so möchte man meinen. Die Kaiserpedia weiß es anders, aus ihr habe ich die eingangs mitgeteilten Informationen. Bei dieser Website handelt es sich um ein alternativweltliches Projekt: Ungenannte Freaks malen sich nach dem Prinzip der Wikipedia in liebevollen Details eine politische Welt aus, wie sie in den 1920er und 30er Jahren vielleicht hätte existieren können, wäre Deutschland Hauptsieger des Weltkriegs gewesen. Selbst oder gerade dann, so glauben die Macher der Kaiserpedia offenbar, wäre in Deutschland so viel in Bewegung geraten, dass ein Jude und Liberaler wie Rathenau in ein Schlüsselressort hätte aufrücken können. Und ganz selbstverständlich kommt im Rahmen dieser Überlegungen jemand wie Rathenau nunmehr für die Verleihung eines Adelstitels in Frage, erhält einen solchen und nimmt ihn ebenso selbstverständlich an.

Das alles mag seltsam klingen. Doch auch wenn vieles ganz anders kam und die Kaiserpedia-Tüftler sich vermutlich nicht besonders für jüdische Geschichte interessieren: Es lohnt sich, wieder einmal, die Frage zu stellen, was wäre, wenn? Nein, Walther Rathenau ist nicht geadelt worden, und doch liegt es offenbar aus bestimmten Gründen durchaus nahe, sich ihn (unter anderem) als Aristokraten vorzustellen. Wohl wenigen deutschen Politikern ist im Nachhinein so oft fälschlicherweise ein „von“ verpasst worden wie ihm, und das dürfte nicht nur an seinem markanten Nachnamen liegen, der aus einem Fontane-Roman stammen könnte. Zu fragen, ob Rathenau tatsächlich gern ein „von“ getragen hätte, ist alles andere als uninteressant. Denn wie in einem Brennglas bietet Rathenaus Biographie die Möglichkeit, uns einem größeren Thema zu nähern: dem Thema Judentum und Anerkennung sowie allgemeiner: Bürgertum und Anerkennung in der Zeit um 1900. Wobei ich den Wunsch nach Anerkennung und die Gewährung oder aber Verweigerung von Anerkennung festmachen möchte an damals gängigen Auszeichnungen wie Adels-, Ordens- und Ehrentiteln sowie an mehr oder weniger aristokratisch aufgeladenen Dingen wie der Zugehörigkeit zum Offizierskorps, zumal der Kavallerie als angesehenster Waffengattung, oder dem Besitz von Landgütern und Schlössern.

Worum es also mit einem Wort geht, sind sichtbare Zeichen gesellschaftlicher Herausgehobenheit unter den Bedingungen einer mitteleuropäischen Monarchie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und dies mit einem Augenmerk auf der Frage der Gleichstellung der Juden und zumal der Großbürger unter ihnen.

Am Beispiel Rathenaus möchte ich einige wichtige Aspekte des Themenfeldes Judentum, Bürgertum und Anerkennung bzw. Auszeichnungswesen verdeutlichen. Gleich vorweg gesagt: Alledem gegenüber war Rathenaus Haltung höchst ambivalent, was die Sache nur noch interessanter macht. Bitte sehen Sie es mir aber nach, wenn ich hier die Komplexität von Rathenaus Persönlichkeit, das sehr spannungsreiche Verhältnis zu seinem Vater wie auch zum Judentum und überhaupt Rathenaus schillerndes Denken nur andeuten kann.

Vier Umstände lassen sich gerade an Rathenaus Beispiel gut zeigen, und es ist sinnvoll, sie zusammen zu denken:
1. Das Streben nach Anerkennung: Rathenau war es sehr wichtig, Merkmale gesellschaftlicher Herausgehobenheit zu erlangen, womit er ein typischer deutscher und europäischer Großbürger seiner Zeit war. Sein Judentum muss bei alledem freilich stark mitgedacht werden. Denn
2. In Preußen und Deutschland wurde Juden um 1900 staatlicherseits wie gesellschaftlich sehr oft Anerkennung verweigert. Im Fall bestimmter Positionen und Würden stieß etwa Rathenau, ebenfalls typischerweise, auf erhebliche Widerstände.
3. Die Anerkennung einzelner Juden als empfundene Anerkennung des Judentums insgesamt, zumindest im nationalen Rahmen: Verschiedentlich diente Rathenau auf Grund seiner Bekanntheit Juden wie Nichtjuden als Symbolfigur, mit der Hoffnungen oder Befürchtungen verbunden wurden: Hoffnungen und Befürchtungen im Hinblick auf eine stärkere Teilhabe und Anerkennung der deutschen Juden. Freilich taugte Rathenau wegen seines problematischen Verhältnisses zum Judentum letztlich nur bedingt als Identifikationsfigur für Juden.
Und schließlich 4. Das Nachdenken über unsere Sicht auf das Thema Anerkennung vor 100 Jahren. Rathenaus Verhalten auf der gesellschaftlichen Bühne hat mit der Zeit teilweise bemerkenswerte Umdeutungen erfahren. Diese unter die Lupe zu nehmen gewährt Aufschluss über Fallstricke beim Versuch, sich mit reichlich Abstand der Zeit um 1900 zu nähern.

Im Folgenden werde ich vor allem dem erst- und dem letztgenannten Aspekt nachgehen, also Rathenaus Verhalten und dessen Rezeption. Ich möchte dafür werben, Rathenaus Leben, das an Widersprüchen wahrlich reich war, aus seiner Zeit heraus zu verstehen, ebenso den weit verbreiteten Wunsch jüdischer und anderer Deutscher nach sichtbaren Zeichen von Anerkennung.

Es erscheint mir sinnvoll, an dieser Stelle zwei, drei allgemeine Hinweise zur Zeit vor 100 Jahren zu geben.

Bei allem, wovon im Folgenden die Rede ist, ist der hohe Stellenwert alles Militärischen wie auch der Religion mitzudenken in dieser sehr hierarchischen Gesellschaft. Der König von Preußen oder der Herzog von Braunschweig waren ja zugleich Landesbischöfe ihrer evangelischen Staatskirchen. Zur gleichen Zeit gab es rasante Veränderungen in Wirtschaft und Technik. Die Rathenaus waren herausragende Unternehmer insbesondere auf dem Gebiet der zunehmend wichtigen Elektrotechnik, und der von ihnen geführte Konzern, die AEG, war mit über 30.000 Beschäftigten der fünftgrößte Arbeitgeber Deutschlands. Das Wirtschaftswachstum um 1900 ermöglichte einer schmalen Gruppe von Wirtschaftsbürgern wie den Rathenaus ein weitgehend sorgenfreies Leben und allmählich, allerdings sehr ungleichgewichtig, auch anderen Schichten der Bevölkerung Verbesserungen ihrer Situation. Es gab in dieser Zeit eine sehr starke, kritische Arbeiterbewegung, die sich die Umwälzung der Verhältnisse auf die Fahnen geschrieben hatte, auch wenn ihre Mehrheit sich faktisch schon längst nicht mehr so radikal verhielt. Trotz aller Industrialisierung und Abwanderung in die Städte gab es auch noch immer viel, viel mehr Landwirtschaft in diesem Deutschland als heute. Schlüsselpositionen im Staat wurden nach wie vor bevorzugt mit Adligen besetzt, das Deutsche Reich war eine Monarchie und bestand seinerseits aus noch einmal fast 30 Monarchien höchst unterschiedlicher Größe und Bedeutung sowie drei Stadtstaaten. Das politische System verband auf bemerkenswerte Weise autokratische mit parlamentarischen Zügen, wobei es zwar nicht auf Reichsebene, doch gerade in Preußen noch immer das Dreiklassenwahlrecht gab. Die Frauen waren nicht einmal vor dem Gesetz gleichberechtigt, und die Juden waren es auf dem Papier, aber die Realität sah oft anders aus. Wissenschaft und Kultur wiederum brummten ebenfalls in atemberaubender Weise. Eine pulsierende, überaus bunte, sich rasch entwickelnde Gesellschaft also, in der in faszinierender Verdichtung viele traditionsreiche und viele neuartige Phänomene miteinander einhergingen. Mit einem Wort, eine sehr spannende und spannungsgeladene Zeit! Und wohl niemand kann ihre Spannungen besser illustrieren als der tief zerrissene Walther Rathenau!

Vielen Juden in Deutschland war es im Verlauf des 19. Jahrhunderts gelungen, ein vergleichsweise hohes Maß an Bildung, nicht selten auch Besitz zu erlangen. Die miteinander verwandten Familien Liebermann und Rathenau in Berlin sind hierfür ein Paradebeispiel. In der freien Wirtschaft, in Wissenschaft und Kultur spielten Deutsche jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft um 1900 eine wichtige und oft herausragende Rolle, ohne dass sie sich etwa alle in gleicher Weise oder überhaupt in erster Linie über ihre jüdische Abstammung definiert hätten. Im Gegenteil war das deutsche und europäische Judentum längst religiös und kulturell außerordentlich stark ausdifferenziert. Doch gab es auch, und das traf sehr viele Juden in sehr ähnlicher Weise, einen starken gesellschaftlichen und staatlichen Antisemitismus, auch wenn die damaligen Zustände weit von denen nach 1933 entfernt waren. Nicht zuletzt hatten in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts Juden, auch Großbürger mit Vermögen und Einfluss auf verschiedenen Gebieten, enorme Probleme, sichtbar Anerkennung zu finden – sofern sie nicht zum Christentum übertraten, was ihnen um 1900 oft, aber auch nicht immer spürbare Erleichterungen verschaffte. Auch Walther Rathenau scheint in jungen Jahren zeitweilig mit dem Gedanken gespielt zu haben, sich taufen zu lassen, hat diesen Schritt aber nicht vollzogen und ist dem Judentum äußerlich mehr aus Stolz oder besser: Trotz verbunden geblieben. In religiöser Hinsicht war er unmusikalisch, dagegen dachte er zeittypisch auf sehr eigene Weise in rassischen Kategorien.

Wer sich als Jude nicht taufen ließ, durfte um 1900 in Preußen zwar ohne Einschränkung studieren und musste seinen Wehrdienst ableisten wie jedermann. Aber er wurde kein Offizier, höherer Beamter oder Professor. Umso mehr Juden gingen in die freien Berufe, denn dort unterlagen sie keinerlei Beschränkungen. Einige Juden waren bedeutende Industrielle oder Bankiers – in der Spitzengruppe der Wirtschaft waren Männer jüdischen Glaubens sowie jüdischer Herkunft überdurchschnittlich stark vertreten, ohne dass sie freilich eine feste Gruppe gebildet hätten. Den Titel Kommerzienrat und bestimmte andere Titel und Orden verwehrte man ihnen nicht. Wer genügend Geld hatte, konnte sich ein Schloss oder Rittergut kaufen und dort adliges Leben imitieren, auch ein ausländisches Honorarkonsulat war ab einem bestimmten Vermögen zu bekommen. Mit einem Wort: Juden konnten sich in bestimmten Nischen stark entfalten und in einem gewissen Rahmen auch gediegene Distinktionsmerkmale erlangen. Anderes aber blieb ihnen verwehrt. Um 1900 hatte Deutschland eben keinen jüdischen Minister, nicht einmal einen Offizier oder Richter jüdischen Glaubens, obwohl es viele jüdische Abiturienten und Juristen gab. Bis auf zwei außerordentliche Ausnahmen wurde von Wilhelm II. auch kein Jude geadelt oder in das Preußische Herrenhaus berufen – die höchsten Auszeichnungen für Bürgerliche. Dass Juden Anerkennung verweigert wurde, hatte System und war allgemein bekannt. Diese Wahrheit wurde übrigens von Juden oft, selten jedoch von Nichtjuden ausgesprochen.

Wie nun verhielten sich preußische und deutsche Juden zum Thema staatlich-monarchische Auszeichnungen? Genauso wie Nichtjuden. Juden wurden kaum jemals in Studentenverbindungen aufgenommen? Sie gründeten eigene. Juden mussten Wehrdienst leisten, ohne jemals zu Offizieren befördert zu werden? Sie wurden darüber in aller Regel keine Antimilitaristen, sondern empfanden die Zurücksetzung als große Schmach und wollten erst recht gute Patrioten sein; entsprechend viele Hoffnungen keimten bekanntlich 1914 mit Ausbruch des Weltkriegs auf, unter anderem weil Juden nun schlagartig Offiziere wurden, denn beim großen Schlachten konnte man auf sie einfach nicht verzichten. Juden wurden im Kaiserreich Jahrzehnte lang bei höheren Auszeichnungen systematisch benachteiligt und blieben von staatlichen Führungspositionen ausgeschlossen? Eine bezeichnende Reaktion war, dass jüdische Zeitungen oft über Erfolge und Auszeichnungen von Juden in anderen Ländern berichteten und im gleichen Atemzug eine Verbesserung der Situation in Deutschland forderten: Erfolge prominenter Juden waren ein großes Thema in der jüdischen Publizistik des 19. Jahrhunderts, nicht nur in Deutschland.

Ehe ich gleich wirklich auf Rathenau zu sprechen komme, noch ein Wort zum Thema Bürgertum und Anerkennung allgemein, denn es ist wichtig, Juden nicht immer nur über ihre jüdische Abstammung zu definieren. Reinhard Rürup hat dies so auf den Punkte gebracht: „Juden bildeten eine religiöse Minderheit, aber in wirtschaftlicher, sozialer, politischer und kultureller Hinsicht gehörten sie zugleich anderen Minderheiten und auch Mehrheiten an.“ Nicht jeden Bürgerlichen gelüstete es nach jeder Auszeichnung, die für ihn theoretisch in Frage kam, doch deutlich zu erkennen ist etwa ein Zusammenhang zwischen besonders großen Vermögen und den höchsten möglichen Auszeichnungen: erblichen Nobilitierungen und Berufungen ins Herrenhaus auf Lebenszeit, aber eben praktisch nicht im Fall von Juden. Die Forschung hat in letzter Zeit etwas vernachlässigt, wie wichtig noch um 1900 Orden etc. nahezu für alle Welt waren, die ja eindrucksvoll zur Schau getragen werden konnten. Die fortwährende Diskriminierung jüdischer Großbürger im Fall höherer Auszeichnungen macht es umso reizvoller, deren Distinktionsverhalten zu betrachten. Das Beispiel Walther Rathenaus ist hierfür trotz seiner vielen Eigenheiten von besonderem Interesse, auch weil später in die verschiedensten Richtungen interpretiert worden ist, wie dieser zu aristokratischen Attributen stand.

Ob Rathenau jemals einen Adelstitel mehr oder weniger gewünscht hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Als nicht konvertierter Jude durfte er sich unter Wilhelm II. wie gesagt ohnehin keine Hoffnungen auf eine Adelsverleihung machen. Dennoch behauptete 1912 der antisemitische Adelsalmanach Semi-Gotha, die Verleihung eines Adelstitels an seinen Vater Emil Rathenau stehe kurz bevor. Das stimmte zwar überhaupt nicht, immerhin war der einflussreiche AEG-Lenker aber von Reichskanzler Bülow um 1905 für kurze Zeit durchaus, allerdings nicht allzu ernsthaft, für eine Mitgliedschaft im Herrenhaus in Aussicht genommen worden; kaum vorstellbar, dass er eine Berufung in die erste Kammer des Parlaments abgelehnt hätte, wäre sie denn zu Stande gekommen. Was Emil Rathenau im Laufe und vor allem gegen Ende seines Lebens tatsächlich an Auszeichnungen erhielt, waren unter anderem drei Ehrendoktorwürden, der prestigeträchtige Titel Geheimer Baurat, dazu verschiedene preußische sowie belgische, französische und österreichische Orden.

Zwei Beispiele dafür, wie solche Auszeichnungen zur Wirkung kamen. In der Todesanzeige der Familie im Berliner Tageblatt für den 1915 verstorbenen Emil Rathenau wird dieser als „Geheimer Baurat, Dr. ing. und phil.“ bezeichnet. Fast gleichlautend (diesmal mit Hinweis darauf, dass die Promotionen ehrenhalber erfolgt waren) nannte Walther Rathenau 1922 in seinem Personalbogen für das Auswärtige Amt seinen Vater „Geheimer Baurat Dr. ing. und Dr. phil. h. c. Emil Rathenau“. Der stolze Hinweis auf schmucke Titel, die eine Nähe, wenn nicht Zugehörigkeit zum Staatsdienst und zur akademischen Welt suggerieren, heißt nicht, dass die vielen Orden demgegenüber unwichtig waren. Ein Porträtfoto Emil Rathenaus, 1908 aus Anlass seines runden Geburtstags aufgenommen, zeigt den energischen Siebzigjährigen in Frack und ganz selbstverständlich mit sämtlichen Orden angetan, und so, formvollendet dekoriert, empfing er auch seine Gäste zu seinem Geburtstagsbankett. Gewiss hat er seine Orden und erst recht alle auf einmal nur zu besonderen Anlässen getragen; unwichtig, gar von offizieller Seite im In- und Ausland aufgedrängt und von ihm nur widerwillig angenommen und getragen waren sie mitnichten. Ich betone das deshalb, weil dieser Befund einer einflussreichen Forschungstendenz der letzten Zeit widerspricht.

Übrigens wurde 1908 aus Anlass des 70. Geburtstags des Konzerngründers auch AEG-intern eine Verdienstmedaille eingeführt, die verdienten Mitarbeitern verliehen wurde.

Als Emil Rathenau 1898 durch die preußische Regierung bzw. formell von Wilhelm II. der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen wurde (es war seine erste Dekoration dieser Art), schrieb sein Sohn Walther der Mutter von der „erfreuliche[n] Nachricht vom Eintreffen des roten Vögelchens – IV. Klasse –“ und den „hohen Ordensinsignien“, die er vorübergehend bei sich verwahre. Der halb ironische Ton sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Walther Rathenau selbst die Erlangung von Orden, die zumindest symbolisch eng mit der Hohenzollern-Monarchie verbunden waren, ziemlich wichtig war. Dabei wünschte sich Rathenau um 1910 fast zeitgleich sehr den Roten Adlerorden 2. Klasse als sichtbare Belohnung dafür, dass er Kolonialstaatssekretär Dernburg schon zum zweiten Mal auf eigene Kosten nach Afrika begleitet und Betrachtungen zur dortigen Lage angestellt hatte, kritisierte aber auch in einer Denkschrift Pläne, die Finanzierung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (der heutigen Max-Planck-Gesellschaft) durch reiche Spender aus der Wirtschaft ungeniert mit Orden und anderen Auszeichnungen zu vergelten, denn solche sollten besser immaterielle Leistungen honorieren: Offenbar wollte Rathenau persönlich lieber als Publizist und Politiker denn als Großindustrieller ausgezeichnet werden, aber damit ist er eine Ausnahme.

Dass Walther Rathenau im Jahr 1900 zunächst die 4. Klasse ebenfalls des Roten Adlerordens erhalten hatte, wahrscheinlich für einen elektrochemischen Vortrag im Beisein des Kaisers, verweist immerhin auch nur indirekt auf seine Rolle als Industrieller. Freilich hatte er 1911 kein Problem damit, dem Geschäftsführer des Scherl-Zeitungskonzerns, der seinem Chef „den Stern zum Roten Adlerorden II. Klasse verschaffen möchte“ (so Rathenau in seinem Tagebuch), dafür ein Empfehlungsschreiben an Admiral von Hollmann auszustellen. Friedrich von Hollmann war der einflussreiche Aufsichtsratsvorsitzende der AEG und ehemals Chef des Reichsmarineamts. Sicherlich war dies nicht das einzige Mal, dass Rathenau auf Grund seiner Position und Kontakte als Mittler eingeschaltet oder angefragt wurde, wenn es um die Anbahnung von Auszeichnungen ging; über die Spielregeln solcher Auszeichnungsinitiativen war er selbstverständlich genau im Bilde. Die Bestellung des im Staatsapparat bestens vernetzten, zugleich technisch versierten Hollmann in das Kontrollgremium des von ihm gelenkten Unternehmens war im Übrigen ein kluger Schachzug Emil Rathenaus gewesen. Dem Patriarchen der AEG und prominenten, wenn auch areligiösen Juden dürfte es außerdem eine Genugtuung gewesen sein, 1908 an seiner Geburtstagstafel neben seiner Familie von einem halben Dutzend, teils adligen Ministern eingerahmt zu sein.

Nun war der hohe Offizier und Spitzenbeamte Hollmann 1905 geadelt worden, die Rathenaus dagegen blieben bürgerlich. In London hätte es jemand wie Walther Rathenau um diese Zeit, wie ihm sehr bewusst war, wahrscheinlich längst zum liberalen Unterhausabgeordneten, wenn nicht Minister gebracht und wäre einige Jahre darauf mindestens Baronet, später vielleicht auch Baron geworden, also zugleich Mitglied des Hochadels und Oberhauses. Auch in Österreich oder Ungarn hätte er zumindest Reserveoffizier und geadelt werden können. So aber ließ sich Rathenaus öffentliche Karriere deutlich langsamer an, die deutschen Liberalen waren in dieser Zeit weit davon entfernt, Regierungsmitglieder oder Spitzenbeamte zu stellen, geschweige denn einen starken Einfluss auf das Auszeichnungswesen zu haben, und aus Sicht der tonangebenden Kräfte, darunter nicht zuletzt Altadlige, kam ein ungetaufter Jude für eine Aufnahme in den Adel schlicht nicht in Frage.

Ab etwa 1906 aber betrat Walther Rathenau zunehmend die politische Bühne und galt bald vielen als jemand, mit dem gerechnet werden musste. Gern wäre Rathenau schon damals Minister oder Botschafter geworden. Daraus wurde trotz seines vergleichsweise guten Verhältnisses zu Reichskanzler Bülow nichts, und die von Bülow gegen Widerstände unterstützten Verleihungen des Kronenordens 2. Klasse 1907 und des Roten Adlerordens 2. Klasse 1910 sahen beide als eine gewisse Kompensation an für die ausbleibende Verleihung eines politischen Amts und als Ermutigung. Bülow 1908 zu einem Untergebenen: „Wenn wir Rathenau nicht irgendein Pflaster geben (Orden oder Geheimrat), wird er sehr entmutigt.“ Ohne Zweifel waren Rathenau die Ordensverleihungen äußerst wichtig gewesen, nicht zuletzt mit Blick auf sein Prestige als öffentliche Person, die sich für höhere Aufgaben qualifizierte.

Stolz war Rathenau dann auch auf das Eiserne Kreuz 2. Klasse, das er 1915 als Zivilist für seine Verdienste bei der Organisation der Kriegswirtschaft erhielt und von dem er sich außerdem einen gewissen Schutz gegen Schmähungen versprach (freilich war es eigentlich eine zu geringe Auszeichnung, und bei seiner Tätigkeit als Abteilungsleiter im Kriegsministerium wurden ihm viele Steine in den Weg gelegt). Hinzu kam noch aus dem Ausland unter anderem 1911 der oranische Hausorden als Dank für die Unterstützung bei der Überführung der sterblichen Überreste einer niederländischen Prinzessin von Schloss Freienwalde nach Delft. Rathenau beantragte daraufhin, wie dies üblich war, umgehend und „ergebenst“ beim Berliner Polizeipräsidenten die Erlaubnis, diesen Orden tragen zu dürfen.

Freienwalde, ein weiteres wichtiges Kapitel: Rathenau hatte 1909 aus Kronbesitz ein waschechtes Hohenzollern-Schloss nahe Berlin gekauft, ließ es aufwändig im Stil der Zeit um 1800 wieder herrichten und verbrachte hier in den Vorkriegsjahren viel Zeit. So wie sein Bekannter Rudolf Mosse, der Berliner Zeitungszar, Multimillionär und aktive liberale Jude, wahrlich kein ausgesprochener Kaiser- und Junkerfreund, aus eigenem Entschluss Rittergutsbesitzer geworden war, war Rathenau nun selbst Schlossbesitzer, während er sich um dieselbe Zeit im Grunewald eine stattliche Villa errichten ließ. Der Besitz eines repräsentativen, geschichtsträchtigen Schlosses (das überdies von vielen mit der verehrten Königin Luise in Verbindung gebracht wurde, allerdings zu Unrecht) verschaffte ihm „einen aristokratischen Nimbus“ und unterstrich zugleich seinen Anspruch, ein wahrer Intellektueller zu sein – der sich zum Denken und Schreiben aus den Niederungen der Großstadt und von seiner Funktion als Wirtschaftskapitän aufs Land zurückzieht.

Nachdem von Rathenau als Schlossbesitzer die Rede war, einige Worte zu seinem ambivalenten Verhältnis zum Adel. Zunächst einmal der Hinweis darauf, dass er selbst nahe Verwandte hatte, die einen Adelstitel führten: 1873, Rathenau war fünf Jahre alt, erhielt sein Großonkel Adolf Liebermann, ein reicher Berliner Industrieller und Kunstsammler, den österreichischen Ritterstand mit dem Prädikat „von Wahlendorf“ (und kurz darauf auch, in einer vergleichsweise liberalen Phase, eine der seltenen preußischen Anerkennungen für einen solchen Fall). Dessen drei Söhne, von denen zwei später konvertierten, hatten in Berlin um 1900 auf Grund ihrer jüdischen Herkunft in Verbindung mit dem erkennbar nichtpreußischen Adelstitel mit einigen gesellschaftlichen Problemen zu kämpfen. Das Beispiel seiner großbürgerlich-neuadligen Cousins mit ihren besonderen Nöten stand Rathenau nachweislich dann und wann vor Augen. Einen anderen Cousin, den ‘Malerfürsten’ Max Liebermann, bezeichnete Rathenau 1917 im ‘Berliner Tageblatt’ als Mitglied des „jüdischen Patriziats“ der Reichshauptstadt – was die Annahme rechtfertigt, dass er dies auch für sich selbst in Anspruch nahm.

Ob Rathenau als junger Mann in eine altadlige Frau verliebt war, wie einige vermuten, sei dahingestellt. Um die Zeit, als er 1890/91 seinen Wehrdienst ableistete, identifizierte er sich jedenfalls stark mit dem ostelbischen Adel und wäre gern Offizier geworden. Die Fotos des Vizewachtmeisters im Harnisch zeigen einen jungen Mann, der sichtbar stolz war, Soldat zu sein – und zwar als Gardekürassier, d.h. bei einem der vornehmsten Regimenter der Kavallerie als ohnehin feinster Waffengattung. Umso größer das Trauma, das er später in einer berühmt gewordenen Formulierung als allgemeine Erfahrung deutscher jüdischer Männer beschrieben hat: am Ende seiner Militärzeit nicht zum Offizier bzw. Reserveoffizier befördert zu werden. Rathenau 1911 in seinem Aufsatz ‘Staat und Judentum. Eine Polemik’: „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: Wenn ihm zum erstenmal bewußt wird, daß er als ein Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn daraus befreien kann.“

Walther Rathenau, der auf Grund seiner jüdischen Herkunft schmerzliche Rückschläge in seiner militärischen und politischen Laufbahn hatte hinnehmen müssen, sah später den von ihm ursprünglich verehrten preußischen Adel als eifersüchtig auf jüdische, aber auch nichtjüdische Mitglieder des Bürgertums an; dieses werde aber absehbar immer noch weiter aufstreben und den ihm zustehenden Einfluss erlangen (wie er etwa 1911 im selben Beitrag ausführte). Wenn Rathenau im Kaiserreich mehrfach die exklusive Rekrutierung des diplomatischen Corps kritisierte, dann eben nicht zuletzt, weil er selbst darunter zu leiden hatte. Auch wollte er um 1910 die Monarchie zwar weiter durch Verfassungsbestimmungen einhegen, doch nicht etwa abschaffen, da den Trägern der monarchischen Gewalt ein besonderes ererbtes Verantwortungsgefühl gegeben sei.

Rathenau hegte fraglos Sympathien für demokratische Ideale, teilweise zeigte er sich sogar für sozialistische Ideen aufgeschlossen. Dennoch war er zutiefst elitär eingestellt und wie so viele damals von einem stark von Nietzsche beeinflussten Denken der Bestenauslese durchdrungen. Bezeichnend auch, dass Rathenau, als es 1912 auf Grund der Rivalität um eine gemeinsame Freundin zum Bruch mit Maximilian Harden kam, dem berühmt-berüchtigten Journalisten, diesen zum Duell forderte (was Harden ablehnte): ein in seinem Ursprung „aristokratisch besetztes Symbol“. Auch was Rathenaus Publizistik vor 1914 betrifft, ist eine Etikettierung als konservativ oder liberal schlicht nicht möglich, in vielerlei Hinsicht war er ein Wanderer zwischen den Welten. Zu seinem großen Bekanntenkreis gehörte ein Frank Wedekind ebenso wie der antisemitische Vordenker Wilhelm Schwaner, den er duzte und dem er besonders eng verbunden war.

In anderer Weise vielgestaltig waren auch schon die Verbindungen seines Vaters gewesen: Emil Rathenau verpflichtete den Mandarin Admiral von Hollmann ebenso wie den Architekten und Gestalter Peter Behrens, der ihm vielbeachtete Fabriken im damals modernsten Stil entwarf und emsig an dem arbeitete, was wir heute das Corporate Design der AEG nennen würden. Um diese Zeit war es für einen Großunternehmer schlicht nicht ungewöhnlich, mit einem Fuß im 19. und dem anderen im 20. zu stehen. Dies war auch keine deutsche Besonderheit.

Zurück zu Walther Rathenau. Derart schillernd waren sein Leben und Denken, dass so ziemlich alles hinein projiziert werden kann und worden ist. So verwundert es nicht, dass Rathenau auf Grund seiner adelskritischen Äußerungen einmal als Gewährsmann eines selbstgewissen Bürgertums erscheint, dann aber auch selbst als „feudalisiert“. Schon der geadelte Industrielle und Schlossbesitzer in Carl Sternheims satirischem Stück ‘1913’ (entstanden 1913/14), dessen Snobismus sich insbesondere in seiner Hassliebe zum alten Adel äußert, ist offenbar vor allem auch eine Karikatur Walther Rathenaus. Maximilian Harden äußerte 1927, kurz vor seinem Tod, in unnachahmlicher Bosheit, sein einstiger Freund Rathenau habe sich seine Orden, auf die er sehr stolz gewesen sei, durch Schmeichelei und Hartnäckigkeit erworben; den Roten Adlerorden habe er „immer“ getragen. Kam hierin gewiss persönliche Verbitterung zum Ausdruck, so nannte auch der schwerreiche Berliner Industrielle und Mäzen James Simon 1930 Rathenau rückblickend einen Kriecher gegenüber Wilhelm II.; womit Simon zugleich seine eigene angebliche Kaiserferne unterstrich.

Ganz anders dagegen der Schriftsteller Franz Blei in seiner gleichfalls 1930 erschienenen Rathenau-Miniatur:

„Rathenau kam einmal, es war vor dem Kriege, als später Gast ins Haus unseres vortrefflichen Verlegers [Samuel] Fischer, zur Stunde, da die Gäste in des Hausherrn behaglichem Büchersalon den Kaffee tranken. Er war ins Schloß geladen gewesen und trug auf der Brust den klirrenden Schmuck seiner Orden, ein gut Dutzend Stück. ‚Ich habe zu Hause im Kasten noch mehr so Blecher‘, sagte er auf einen lächelnd-erstaunten Blick, solchen Ehrungen gegenüber eine Gleichgültigkeit andeutend, die er als ein seines Wertes sehr bewußter Mensch besaß, zumal er die Orden auch nicht für seine Schriften bekommen hatte. Aber er war doch stolz darauf, daß ihn, den Juden, dem als Einjährigen das Leutnantspatent verweigert, und der als Vizewachtmeister entlassen wurde, die von ihm so bewunderte preußische Herrensippe hatte anerkennen müssen. Rathenau war klug genug, zu wissen, daß mit Adelung und Orden jener, der beides verleiht, sich nur die nötige Brücke über einen trennenden Abstand legt, ohne die ein öfterer Verkehr nicht möglich. Mit einem bloßen Herrn Rathenau gab’s für Majestät keine wiederholte Unterhaltung; er mußte als ein für Auszeichnung Dankender kommen. Aber daß die Sippe ihn dafür vorschlagen hatte müssen, freute ihn. Denn er, der braune Beduine, der von seinen spanisch-jüdischen, mit Berberblut vermischten Ahnen sprach, liebte aus Gegensätzlichkeit diese blonden, rosigen, knochigen Preußen mit den blauen Augen, die Offiziere dieses kleinen Adels, die Dichter dieser dürftig-spröden Landschaft, die Beamten dieses sparsamen Haushalts.“

Tendenz und Ton korrespondieren auffällig mit monarchie- und auszeichnungsfeindlichen Äußerungen von jüdischen Großbürgern aus der selben Zeit wie bei James Simon oder in den viel zitierten Memoiren des Berliner Bankiers Carl Fürstenberg (1931). Fürstenberg wollte im Nachhinein mehrfach ihm angebotene Adels- und Ordensverleihungen abgelehnt haben (und war für diese Haltung laut eigenen Angaben sogar einmal von Emil Rathenau gerügt worden). Der Eindruck, der mit solchen Anekdoten rückblickend erzeugt werden sollte, war der eines selbstbewussten Bürgertums, das Hofgesellschaft, Dekorationen und nicht zuletzt dem nunmehr gänzlich ungeliebten Wilhelm II. gegenüber innerlich ganz distanziert eingestellt gewesen sei und den Kontakt zu alledem auf das Notwendigste beschränkt habe. Diese republikanische Legende hatte schon Walther Rathenau zehn Jahre zuvor tatkräftig befördert, so durch seinen anklagenden Essay ‘Der Kaiser’ von 1919. Anfang desselben Jahres hatte er in einem Brief geäußert: „Die Herrschaft einer jeglichen Schicht im Staate halte ich für verderblich. So sympathisch mir menschlich und persönlich die feudale Kaste war, so sehr habe ich sie bekämpfen müssen, solange sie das Monopol der politischen Macht besaß.“ Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Wie wir gesehen haben, lässt sich Rathenaus Verhalten gegenüber Adel und Monarchie vor 1918 in keiner Weise auf kämpferische Töne reduzieren; genauso wenig allerdings wie auf das Gegenteil. Im Übrigen, das sollte nicht vergessen werden, am Ende seines Lebens hatte Rathenau doch noch eine politische Schlüsselposition inne und es sogar an die Spitze des besonders distinguierten diplomatischen Dienstes geschafft mit seinem sehr hohen Anteil an Adligen. Höher aufsteigen hätte Rathenau zum Zeitpunkt seiner Ermordung kaum noch können. Sein gewaltsamer Tod warf daher auch einen Schatten voraus auf das, was den Juden in Deutschland und Europa von nichtjüdischen Deutschen schon wenige Jahre darauf angetan wurde. In den 92 Jahren seitdem hat kein Jude in Deutschland ein auch nur annähernd so hohes politisches Amt bekleidet.

Im Zuge der Debatte nach 1945 um ‘Feudalisierung’ und ‘Sonderweg’ in der jüngeren deutschen Geschichte ist Walther Rathenau vergleichsweise wenig in die Kritik geraten. Dies dürfte unter anderem damit zu tun haben, dass er selbst trotz seiner gewissen Nähe zur Staatsspitze als Publizist verschiedentlich, schon vor dem Krieg, scharfe Kritik an der Macht des alten Adels, aber auch an einem angeblich obrigkeitshörigen Bürgertum geübt hatte. Rathenau wurde so zum Kronzeugen gegen das wilhelminische Bürgertum (und war übrigens eine der wenigen Personen der Zeit um 1900, auf die in West- und Ostdeutschland gleichermaßen positiv Bezug genommen wurde).

Walther Rathenau, der tief Zerrissene, nicht nur in seinem Nachdenken über und Verhältnis zu gesellschaftlichen Eliten, wird heutzutage mehr denn je als ein Pionier der ‘modernen’ Welt vereinnahmt. Lothar Gall etwa adelt Rathenau 2009 zum antiwilhelminischen Protagonisten eines von ihm ausgemachten modernistischen ‘neuen Bürgertums’. Dieses habe schon um 1900 den Keim dessen dargestellt, was sich nach dem Zweiten Weltkrieg als ‘nivellierte Mittelstandsgesellschaft’ (so Helmut Schelsky) voll ausgebildet habe. Dementsprechend erscheinen die Rathenaus als zwar zu Wohlstand gelangt, aber in ihrer Lebensführung und ihrem Auftreten bewusst bescheiden geblieben – im Gegensatz zu mondäneren, etablierteren Kreisen des Besitzbürgertums. Dieses rückprojizierte Bescheidensheitsethos, das – wie auch in Rathenaus Fall – schon zur Zeit der Weimarer Republik eine Rolle spielte, ist in der jüngeren Geschichtsschreibung als Zuschreibung weit verbreitet.

Ganz in Galls Sinn heißt es etwa in einer 2005 erschienenen Rathenau-Biographie über Carl Fürstenberg, einen der wichtigsten Geschäftspartner der Rathenaus, dieser habe „schon bei seinem ersten Dienstherrn [dem jüdischen Bankier Gerson von] Bleichröder gelernt, mit hohen und höchsten Würdenträgern des Staates umzugehen. Er selbst aber legte keinerlei Wert auf Orden und Ehrenerweise. Den Adelstitel trug man ihm mehrmals an, er lehnte ihn jedesmal ab. Das hat Walter [Rathenau], der die deutsche Aristokratie für eine weitgehend unfähige Kaste hielt, die den Talenten aus dem Volk die Machtpositionen versperrte, natürlich imponiert.“

So natürlich ist diese Annahme freilich überhaupt nicht, schon deshalb, weil sich keines dieser sehr unwahrscheinlichen Nobilitierungsangebote nachweisen lässt und damit Rathenaus angebliche Sympathie für Fürstenbergs angebliche Ablehnungen nicht nur Spekulation ist, sondern reine Fiktion. Doch will auch Lothar Gall wissen: „Das fand er [Walther Rathenau] furchtbar – alles was Wilhelm [II.] ist, alles Dekor, auch die ganzen Äußerlichkeiten des damaligen Bürgertums, das sich sogar adeln lässt. Sein Vater hat einmal gesagt: Ich brauche doch keinen Adelstitel. Ich bin ein erfolgreicher Bürger. Das ist es.“ Für diesen angeblichen Ausspruch Emil Rathenaus gibt es höchstwahrscheinlich keinen Beleg.

Man stelle sich nur einmal vor: Deutschland hätte den Ersten Weltkrieg gewonnen, die Monarchie wäre nicht abgeschafft, sondern reformiert worden und Rathenau in den 1920er Jahren sogar Reichskanzler geworden. Vielleicht hätte sich politisch und gesellschaftlich auch sonst so viel verändert, dass er, der nicht konvertierte Jude, naheliegenderweise geadelt worden wäre? Walther von Rathenau – warum eigentlich nicht? Ein Gedankenspiel nur, gewiss, doch eines, das einiges für sich hat: Rathenau wäre zu gern schon vor dem Weltkrieg unter der (damals noch praktisch unangefochtenen) Monarchie Minister geworden, und bei allen ambivalenten Gefühlen, die er verständlicherweise dem alten preußischen Adel entgegenbrachte: Letztlich spricht alles dafür, dass er einen Adelstitel als eine große und besondere Genugtuung empfunden hätte. Dann gäbe es heute noch weit mehr „Walther-von-Rathenau-Straßen“. Doch bis zur tatsächlichen Abschaffung der Monarchie 1918 war Rathenau ein Adelstitel unerreichbar.


Walther-von-Rathenau-Straße in Ensdorf/Saar (siehe auch hier)

Anerkennung zu finden war Walther Rathenau offenbar enorm wichtig. Dabei habe ich hier über seine damals stark wahrgenommenen, heute eher ungenießbaren Versuche als Zeitdiagnostiker und Rassentheoretiker gar nicht gesprochen und bin auch nicht näher auf seine Tätigkeit als Industrieller eingegangen. Auch als fiktionaler Schriftsteller oder als bildender Künstler hätte Rathenau anfangs gern reüssiert. Was aber die Antriebskräfte für sein rastloses Streben nach Erfolg und Anerkennung waren, lässt sich nicht so einfach sagen. Christian Schölzel, von dem die derzeit beste Rathenau-Biographie stammt, vermutet allein für sein Streben nach einem Minister- oder Botschafterposten um 1905 ein ganzes Bündel an Motiven: Interessen als Industrieller; der Wunsch, den Vater zu übertreffen; der Antrieb, als nicht konvertierter Jude anerkannt zu werden, persönlicher Ehrgeiz; vielleicht auch Sendungsbewusstsein. Ob Rathenau also insgesamt eher als Person, als Großbürger oder als Jude Anerkennung suchte, lässt sich kaum sagen: Die Grenzen sind bis zur Ununterscheidbarkeit verwischt, alle genannten Faktoren spielten eine Rolle. Klar ist aber, dass Rathenaus Leben und Denken außerordentlich viel mit seiner jüdischen Herkunft und mit verletztem Stolz zu tun haben.

Das Verhältnis Walther Rathenaus zum Adel und zu mehr oder minder adligen Attributen und zu staatlich-monarchischen Auszeichnungen war höchst widersprüchlich. Womit er hervorragend in seine Zeit passte. Wie hatte er doch 1911 selbst hellsichtig geschrieben:

„Der Geschichtsschreiber späterer Zeiten wird vor einem Rätsel stehen, wenn er sich zu vergegenwärtigen sucht, wie unsre Zeit mit den äußeren Organen ihres Geistes demokratisch zu fühlen glaubte, während das Wollen ihrer inneren Seele den Aristokratismus noch immer duldete und zu erhalten strebte.“

Meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Literaturhinweis

Kai Drewes, Ausgezeichnete Bürger. Ein Beitrag zur Debatte über das Bürgersein in der spätwilhelminischen Monarchie, in: Ute Daniel und Christian K. Frey (Hgg.), Die preußisch-welfische Hochzeit 1913. Das dynastische Europa in seinem letzten Friedensjahr, Braunschweig 2016, S. 26–36